Das Auto-Dorf (ein Arbeitspaper zum Thema Verkehr)

In Kalchreuth hat der Straßenverkehr in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. In Stoßzeiten und an Wochenenden leidet die Lebensqualität vieler Menschen in der Gemeinde durch Lärm und Abgase. Gründe für den Verkehrszuwachs sind unter anderem das immer größere Mobilitätsbedürfnis der Bürger*innen, die vermehrte Siedlungstätigkeit im Erlanger und im Forchheimer Oberland und eine gestiegene Bequemlichkeit: Autofahrer wollen in der Regel möglichst schnell, störungsfrei und bequem von A nach B gelangen. Wochentags trifft das vor allem auf die Berufspendler zu, die morgens zu ihren Arbeitsplätzen im Ballungsraum und abends nach Hause strömen. Hinzu kommen die Menschen aus Nürnberg, Fürth und Erlangen, die an den Wochenenden verstärkt Ziele im Umland ansteuern und dadurch den Freizeit- und Erholungsverkehr in der Gemeinde anschwellen lassen. Aber auch Ortsansässige könnten vielfach den Pkw-Verzicht üben und innerorts manchen Weg zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen.

Kalchreuth hat sich zum Auto-Dorf gewandelt. Der Verkehr muss rollen, scheint in den letzten Jahren die oberste Devise im Rathaus gewesen zu sein. Ein Verkehrskonzept für die Gemeinde wird seit Jahren schmerzlich vermisst. Zwar ist die Hauptverkehrsader, die Heroldsberger Straße, mit großem Finanzaufwand aufgehübscht worden, doch an den Verkehrsströmen und an der Belastung für die Anwohner hat sich nichts geändert. Zugleich wächst in einigen (Wohn-)Straßen der Schleich- und Ausweichverkehr. Einbahnregelungen wie in der Röckenhofer- und in der Adam-Kraft-Straße mit halbseitigen Halteverboten ziehen den Verkehr magisch an. Berufspendler scheuen den Stau auf der Bundesstraße 2 und brausen lieber durch Kalchreuth. Und die Kommunalpolitiker schauen den anschwellenden Verkehrsströmen hilflos zu, betreiben mit Wohnsitzen in ruhigen Nebenstraßen oder Sackgassen eine Verkehrspolitik der 1970er Jahre. Anstatt dafür zu sorgen, den Verkehr auf das unvermeidliche Minimum zu reduzieren. Klima- und umweltfreundlich ist das nicht.

Im verkehrspolitischen Denken der 1970er Jahre verharrt die Gemeinde auch, indem sie Parkplätze ohne Ende baut. Ob bei der Neugestaltung des Bahnhofsumfelds, zwischen Schule und Bahnstrecke, entlang des Friedhofs und an der Straße zum Rathaus, am Kinderhort – überall sind in den vergangenen Jahren neue Stellflächen für Pkw entstanden. Höhepunkte der Parkplatzbau-Orgie aber sind die Großflächen auf freier Wiese in Richtung Sportheim (obwohl an der Straße nach dem Ortsende sowie am Sportplatz bereits Parkplätze vorhanden sind) und am Ortsausgang an der Erlanger Straße. Wo einst Hecken und Gebüsch wuchsen, können nun Nürnberger oder Fürther Mütter ihren SUV abstellen, damit sich ihre Sprößlinge auf dem Kinderspielplatz austoben. Abgesehen vom Flächenverbrauch: Im Rathaus scheint man nicht verstanden zu haben, dass immer mehr Parkplätze immer mehr Verkehr anziehen. Gut zu beobachten ist dies gegenüber dem neuen Baugebiet Heckacker-Süd. Obwohl der Bau des dort geplanten Bewegungsparks noch gar nicht begonnen hat, wird der halbfertige Parkplatz bereits gut genutzt (wobei man ohnehin fragen muss, ob Menschen, die zum Bewegungspark mit dem Auto fahren, nicht etwas falsch machen). Dass es an der nahegelegenen Schultheißallee schon Abstellmöglichkeiten gibt, hat die Gemeinde in ihrem rekordverdächtigen Parkplatz-Wahn nicht gebremst. Die mit Kalchreuther Steuergeldern massenhaft vornehmlich für Auswärtige neu entstandenen Pkw-Stellflächen sind Zeugnisse einer Planer-Ideologie vom autogerechten Dorf.

Natürlich ist die Gemeinde in einer verzwickten Situation. Aus allen Himmelsrichtungen münden Straßen in die Gemeinde. Autofahrer von und nach Großgeschaidt, Heroldsberg, Nürnberg-Büchenbühl, Knoblauchsland/Fürth, Weiher/Erlangen und Röckenhof/Eckental bestimmen den Durchgangsverkehr in der Gemeinde. Eine Kreisstraße und eine Staatsstraße ziehen sich durch den Ort. Seine topographische Lage auf einem Höhenrücken macht eine Ortsumfahrung schwierig bis unmöglich. Muss Kalchreuth aber deshalb zur Verkehrsdrehscheibe von Pendlern, Stauflüchtlingen und des Wochenendtourismus verkommen?

Alle reden vom Klimaschutz: Weniger Verkehr bedeutet nicht nur eine Entlastung für lärm- und abgasgeplagte Bürger*innen und mehr Sicherheit insbesondere für Kinder und Senioren*innen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen. Viele Kommunen haben die Zeichen der Zeit längst erkannt. Diesel-Fahrverbote, Neubau von Radwegen, Rückbau von Parkplätzen und von Fahrspuren für Autos sollen die Luft sauberer machen. Tirol sperrt Straßen für den Reiseverkehr, Erlangen macht eine Hauptverkehrsache (die neue Straße am Uniklinikum) für Pkw dicht, Nürnberg will kostenfreie Parkplätze im Zentrum komplett streichen, Fürth richtet immer mehr Tempo-30-Zonen ein, Münchens OB Dieter Reiter propagiert inzwischen ganz offen die autofreie Altstadt und hält eine echte Verkehrswende angesichts der Klimadebatte, aber auch der ganz alltäglichen Blechkarawanen für dringend geboten. Vieles verhaftet in Ansätzen und Visionen. „Volkspark statt Parkplatz“ titelte die Süddeutsche Zeitung unlängst einen Artikel über eine internationale Tagung von Verkehrsexperten und Städteplanern, die darüber klagten, „wie weit hinterm Mond die Mobilitätsentwicklung im Land der Abgasbetrüger ist“.

Wie weit hinterm Mond liegt Kalchreuth? Die Gemeinde benötigt dringend ein zukunftsträchtiges Verkehrs- und Mobilitätskonzept. „Der Weg, den unsere modernen Gesellschaften eingeschlagen haben, um die Menschen fortzubewegen, ist an ein Ende gekommen. Weltweit denkt und steuert man um, langsam, aber stetig“, schreiben die Grünen auf ihrer Homepage. „Parks statt Parkplätze“ fordert der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, Alexander Jungkunz, Ende September in einem ganzseitigen Artikel. Was kann Kalchreuth zur Verkehrswende beitragen? Einige Überlegungen:

  • Durchfahrten durch die Gemeinde unattraktiver machen und dadurch reduzieren, Schleichverkehr eindämmen und vor allem Wohngebiete zwischen den beiden Hauptverkehrsachsen Heroldsberger Straße/Weißgasse entlasten.
  • Im Straßenverkehr Vorrang den Schwächeren und denen, die umweltfreundlich unterwegs sind (Fußgänger, Radler). Weitere Fußgängerampel in Höhe Apotheke/Reissinger.
  • Tempo 30 sowie Rechts-vor-links-Regelung im gesamten Gemeindegebiet, verkehrsberuhigte Zonen in den Wohngebieten. Regelmäßige Tempokontrollen und Verkehrshindernisse wie mobile Pflanztröge gegen uneinsichtige Raser.
  • Förderung des Radverkehrs: Bau von Radwegen von zwei Metern Breite in der Heroldsberger Straße und in der Weißgasse, ermöglicht durch Einbahnregelung in Ringform (Heroldsberger Straße nach Osten, Röckenhofer Straße in Richtung Norden, Weißgasse nach Westen).
  • Vernetzung und Taktverdichtung von Bus- und Bahnlinien. Attraktive Ticketpreise.
  • Reduzierung von Pkw-Stellflächen im Ort, Blühfläche statt Großparkplatz an der Straße zum Sportheim, Urban Gardening statt Großparkplatz am Spielplatz Erlanger Straße.
  • Überdachter Bike&Ride-Parkplatz für Radler am Bahnhof.
  • Schaffung von Routen für Mountainbiker im Reichswald zusammen mit Bayerischen Staatsforsten und Landkreis.
  • Kalchreuth zum Radlerzentrum entwickeln. Radwegepläne ausarbeiten, jährlich Flohmarkt für Radfahrer, Radler-Cafe …
  • Mitfahrbänke für die nicht (mehr) ganz so mobile Bevölkerung.
  • Mobilitätskonzepte entwickeln, etwa nach dem Beispiel des „Hofer Landbusses“, der bundesweit Pilotcharakter hat und gerade im Landkreis Hof an den Start ging (siehe hofer-landbus.de ).

Fazit: Weniger Verkehr bringt den Bürger*innen in Kalchreuth mehr Lebensqualität und unterstützt den Klimaschutz.

17.09.2019 Horst Auer

URL:http://www.gruene-erlangen-land.de/ortsverbaende/kalchreuth/dokumente/das-auto-dorf/